|
3. BIOGRAPHIE
*Castel Tesino
(Trient) oder Pergine (?) um 1470, nach 1557.
Das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt.
Andrea Crivelli
wird zum ersten Mal als Zeuge bei dem Ankauf eines Hauses für
die adelige Familie Pona in einem Dokument von 17. Oktober 1502
erwähnt. Am 30. Oktober 1513 ist Andrea Verwalter von Giovanni
Antonio Pona, der seinerseits Kämmerer des Kaisers in Verona
und Camerlengo ist. Crivelli kümmert sich um seine Besitztümer
und Geschäfte in Trient. Er wohnt damals im Viertel S. Croce
in Trient, das sich zu dieser Zeit außerhalb der Stadtmauer
befindet, und besitzt vor dem Turm ("il torrione", DAL
PRÀ 1993, S. 500) eine Apotheke (WEBER, 1925). 1525 wird
er zum Konsul gewählt. In einer Zeit von Ruhelosigkeit für
Trient, in der die sogenannte "guerra rustica" (Bauernkrieg)
ihren Höhepunkt erlebt, beweist Crivelli seine Professionalität.
Am 25. Mai ist er in Riva del Garda um Bernardo Clesio, Fürstbischof
von Trient, zu überreden, wieder nach Trient zurückzukehren.
Am 9. Juni vertritt er seine Stadt am Landtag in Innsbruck. Im
selben Jahr wird er mit der Befestigung der Stadtmauer Trient
beauftragt. Während seiner ersten Legation wurde er 1528
von Bernardo Clesio wegen seiner Fähigkeit als Mitarbeiter
des Ingenieurs Ludovico Zaffran aus Mantua, der ihn ein Jahr vorher
entworfen und begonnen hatte, beim Bau des Castello del Buonconsiglio
persönlich ausgewählt. Der Einfluss von Giovanni Antonio
Pona, der schon am Bau des Schlosses ebenso als Mitarbeiter Zaffrans
tätig war, ist nicht auszuschließen. (WEBER, 1925)
Einige der
Aufgaben des Crivelli am Bau des Palazzo Vecchio sind: Das Besorgen
von Materialien und Künstlern; die Kontrolle über die
Leistung der einzelnen Arbeiter; das Überprüfen von
Rechnungen und ihre Bezahlung; die Kontakte mit dem Kardinal Cles,
dem Auftraggeber des Projekts, der über Ausstattung des Baus,
neue Kunstwerke usw. informiert werden will.
1535 führte
er den Bau zu Ende.
Aufgrund dieses
Auftrags vermutet man, dass Crivelli für äußerst
außergewöhnliche architektonische Kenntnisse bekannt
ist, obwohl er nie offiziell in Trient weder als Baumeister, noch
als Architekt oder Ingenieur genannt wird.
Die Restaurierungen
in Castel Selva, Castel Tenno und Castel Toblino werden ebenso
von ihm koordiniert. Vor allem bei Castel Toblino, eine Burg,
die auf einer Halbinsel am gleichgenannten See ruht, wird Crivellis
Erfahrung in der Bodensanierung beim Fluss Brenta in der Valsugana
besonders gebraucht (DAL PRÀ, 19993, S. 631). 1537 bis
1539 nimmt er am Umbau des bischöflichen Palastes in Cavalese
teil. Alles baut er in Renaissancestil um. Mehrfach wird deutlich,
wie hoch Crivelli von Bernhard von Cles angesehen ist: Der Kardinal
lässt ihm bei jeder Baustelle immer das letzte Wort.
Großes
Vertrauen in Crivelli haben wohl auch der Magistrat (Gerichtsbeamte)
von Trient und der Kardinal Cristoforo Madruzzo (Fürstbischof
von Trient ab 1539). Am 16. April 1538 bekommen Crivelli und der
Meister Alessio Tajapreda die Aufgabe den Fehler zu beurteilen
und zu korrigieren, den Domenico da Vezzano und Giovanni Cestari
während der Arbeiten an der S. Lorenzo Brücke gemacht
hatten. Noch wird Crivelli 1548 von den Konsuln von Trient damit
beauftragt, die Verarbeitung von zwei vergoldeten Silbertellern
mit dem Wappen der Stadt, die dem König Philipp von Spanien
geschenkt werden sollen, zu überprüfen und sie durch
den Beitrag der Bürger (Crivelli war auch Kassenführer)
zu finanzieren.(WEBER, 1525)
Crivelli dürft
auch an anderen Bauprojekten des Bernardo Clesio und des Cristoforo
Madruzzo (Madruccio) beteiligt gewesen sein, u.a. an S. Zeno in
Nonsberg, an der Pfarrkirche von Civezzano und an der Konzilskirche
Santa Maria Maggiore in Trient.(SAUR XXII) Als Architekt für
den Bau S. Maria Maggiore wird um 1520 Antonio Medaglia aus der
Lombardei berufen, der zum ersten und auch letzten Mal in Trient
arbeiten wird.(DAL PRÁ, 1993, S. 501)
1547 ist er
wieder Konsul in Trient.
Wenn Crivelli
bis jetzt nur im trientinischen Bereich gearbeitet hatte, werden
seine Fähigkeit und Baukenntnisse bald weiter bekannt. 1549
ist er bei dem Bau der Pfarrkirche von St. Pauls in Eppan bei
Bozen tätig.
Endlich lädt
die Tiroler Regierung ihn und den Meister Alessandro Longhi nach
Innsbruck für die Planung der Franziskaner- oder Hofkirche
ein, die als Kirche für das Mausoleum Maximilians I errichtet
werden sollte. Crivelli plant das Gesamtprojekt und zeigt sich
sogar bereit, nach Wien zu reisen um das Ganze Ferdinand I zu
erklären.
Zu diesem
Punkt stimmt die unterschiedliche Literatur nicht ganz überein.
WEBER berichtet,
dass vor einer endgültigen Entscheidung der Regierung Tirols
drei Jahren vergehen, während denen Crivelli in Trient wohnt
und 1551 zum dritten Mal Konsul wird. Ende 1552 kehrt Crivelli
nach Druck der Tiroler Regierung wieder nach Innsbruck zurück.
Dort vervollständigt er seinen Entwurf, der unter anderen
endlich ausgewählt wurde. Im Frühjahr 1553 ist er wieder
in Innsbruck um die Arbeiten zu leiten und 1554 fuhr er nach Wien,
um zu vermeiden, dass seinen Entwurf verändert wird.
Nach THIEME-BECKER
erscheint Crivelli 1549 bis 1554 als der erste Architekt und Bauleiter
der Franziskanerkirche (Hofkirche) in Innsbruck und von da an
folgen ihm Nicolaus Düring (Türing) und 1558 Marco della
Bolla. Letzterer dürfte ein Schüler Crivellis gewesen
sein, da er auch die von diesem begonnene Kirche von St. Pauls
(Eppan) vollendet. THIEME-BECKER, 8, 1913).
Im ÖKL
liest man, dass der Bau schon von 1553 bis 1563 dem Innsbrucker
Werkmeister Nicolas Türing der Jüngere als Bauleiter
übertragen wird.
Etwas genauer
ist aber Johanna Felmayer im Band 47 des Österreichischen
Künstlerlexikon (ÖKT, XLVII). Crivelli sei 1549 mit
Alessandro (od. Alessio) Longhi (Mailänder, der in Trient
tätig war und dessen Sohn Girolamo für das Hauptportals
der Hofkirche in Innsbruck beauftragt wird) nicht für das
Projekt der neuen Hofkirche berufen worden, sondern dafür,
um die Pfarrkirche umzubauen, die wegen finanzieller Schwierigkeiten
das Grabmal Maximilians aufnehmen soll. Erst als der Kaiser aber
sein Wille äußert, sogar das Stift an der Stelle der
Pfarrkirche zu verwirklichen, und zwar unter Einbeziehung der
nördlichen Pfarrplatzflanke und des Kräuterhauses sowie
eines Teiles des Hofgartens, scheint es der Regierung günstiger,
einem Neubau auf dem ehemals vorgesehenen Platz (wo sich die heutige
Hofkirche befindet) zuzustimmen. Nach längeren Verhandlungen
und Überlegungen, bei denen auch ein Baumeister aus Vicenza
und ein Baumeister Cirambell ins Auge gefasst werden, beruft die
Regierung im Jahre 1552 wieder, trotz seines hohen Alters, Andrea
Crivelli aus Trient. Dieser reist, mit dem Auftrag, in Bozen das
Dominikanerkloster zu besichtigen, "damit er umso besser
beim Stiftbau Bescheid wisse", im November 1552 nach Innsbruck,
wo er einen Monat mit Plänen und Kostenvoranschlägen
beschäftigt ist. Anscheinend begleitet ihn auch Marx (Marco)
della Bolla, der die Modelle anfertigt. Nach einer von Kaiser
Ferdinand I geforderten Planänderung mit Verlängerung
und Erweiterung der Kirche wird der Bau am Crivelli vergeben.
Hohe Ansehen soll Crivelli auch in Innsbruck gewonnen haben, da
im Vertrag von 26. Juni 1553, wo Niclas (Nikolas) Türing
(Düring) d. Jüngere als örtlicher Bauleiter bestellt
wird, heißt es, Türing solle genau nach der Besichtigung
zu arbeiten, worüber der "verordnete" Baumeister
Andrea Crivelli zu wachen habe. Von Juni 1553 bis Juli 1554 soll
aber der Crivelli selten in Innsbruck gewesen sein, da berichtet
wird, der Bau habe durch seine häufige Abwesenheit erlitten.
Im Juli 1554 fährt Crivelli zu neuerlicher Berichterstattung
nach Wien. (ÖKT XLVII, S. 238 - 239)
Zusammen mit
dem Bau der Hofkirche soll Crivelli auch den Bau des Neuen Stiftes,
das zur Versorgung der Hofkirche bestimmt war, geleitet haben.
(DEHIO 1960, S. 84)
Sowohl SAUR,
als auch der ÖKL datieren das letzte Konsulat Crivellis in
Trient auf 1557. Die letzte gesicherte Nachricht ist aber die
von 1554 über den Aufenthalt Crivellis in Wien (WEBER, 1925).
4. FAMILIEN-,
FREUNDES- UND AUFTRAGGEBERKREIS
Der Vater
des Andrea Crivelli wird in dem schon erwähnten Dokument
vom 17. Oktober 1502 "Leonardo Crivelli di Castel Tesino,
cittadino di Trento" genannt, während in anderen Dokumenten
auf ihn mit "da Castel Tesino abitante a Pergine" oder
"da Pergine cittadino di Trento" hingewiesen wird.
Ob Andrea
Geschwister hatte ist in keinem Dokument nachzuweisen.
Bevor er als
Baumeister hoch geschätzt wurde, war Andrea Crivelli Verwalter,
ein Beruf, den er im Dienst des Giovanni Antonio Pona aus Verona
erlernt hatte. Der Pona, der Kämmerer des Kaisers war, spielte
sicherlich eine wichtige Rolle beim Gewinnen großer Auftraggeber
wie Bernardo Clesio, der Kanzler des Reiches und mit Ferdinand
I und Philipp von Spanien in guter Beziehung war, Cristoforo Madruzzo,
Fürstbischof von Trient (nach dem Clesio, 1539 - 1567) und
von Brixen (1542 - 1578) und schließlich Ferdinand I.
|
| 5.
WERK
5.1. Die
Franziskaner- oder Hofkirche in Innsbruck, 1553:
Ihrer Bestimmung
gemäß hat Crivelli die Hofkirche, die das Grabmal Maximilians
aufnehmen sollte, als dreischiffige Hallenkirche, wo das Langhaus
sowohl gegen die nördliche Stirnwand über dem Eingang
als auch gegen den südlichen Choranbau durch je eine Empore
abgeschlossen ist, geplant. Das Langhaus schließt den oktogonalen
Choranbau ab. Gesamtanlage, Gewölbeformen und Spitzbogenfenster
sind gotische Bauelemente. Die schlanken Säulen jedoch sind
durch Renaissancekapitelle abgeschlossen und der elegante von
Gerolamo Longhi abgeschaffte Portalvorbau ist im Stil der italienischen
Frührenaissance ausgeführt (Kittinger, 1967).
Die Innsbrucker
Hofkirche ist ein typisches Übergangswerk von der Gotik zur
Hochrenaissance. Crivelli dürfte auch an anderen, für
Bernardo Clesio, erbauten Kirchen beteiligt gewesen sein, die
einen ähnlichen kirchlichen Kompromissstil zwischen Gotik
und Renaissance zeigen (ÖKL II). Er wurde als der Vertreter
des in Innsbruck ebenso wie in Trient heimischen Mischstils (clesianischer
Mischstil) süddeutscher und italienischer Baukunst schlechthin
anerkannt. Im betont schlichten Äußeren sind direkte
Bezüge zu der aus dem 13. Jh. stammenden Kirche S. Apollinare
in Trient erkennbar. Die Vorhalle steht ebenfalls unmittelbar
in der Trientiner Bautradition und hat ihre Vorbilder in den Pfarrkirchen
von Pergine und Cavalese. (ÖKT XLVII, S. 264) Die dreischiffige
Hallenkirche zeigt aber doch auch Ähnlichkeiten mit der Heiligkreuzkirche
in Augsburg und der Franziskanerkirche in Schwaz, mit dreiseitig
geschlossenem Chor, Rund- und Spitzbogenfenstern.(DEHIO 1980,
S. 10)
Die Entwürfe
Crivellis wurden im Laufe der Bauarbeiten noch im 16. Jh. aber
um einiges geändert: Die Vergrößerung der Kirche,
der Bau der Lettnerempore, der Krypta, eines steilen Daches anstelle
des von Crivelli geplanten runden Daches gehen auf den König
selbst und seine Beratungen mit seinen Wiener Hofbaumeistern zurück.
(ÖKT XLVII, S. 266)
5.2 Das
neue Stift, heutiges Volkskunstmuseum, Innsbruck, 1553:
Das in seiner
Gesamtanlage aus dem 16. Jh. stammende, nach Planung und unter
Bauleitung des Crivelli erbaute Gebäude ist in einem unregelmäßigen
Viereck um einen rechteckigen Arkadenhof angelegt. Der Westflügel
schließt an die Hofkirche an. (ÖKT XLVII, S. 313)
Für die
Entwürfe des Kreuzgangs hätte Crivelli den Hof der Dominikaner
in Bozen als Vorbild genommen. Die spätere Ausführung
folgt aber wahrscheinlich unterschiedlichen Entwurfsvorschlägen
und verleiht den Hof und dem Neuen Stift nicht ganz das von Crivelli
geplante Aussehen. (DAL PRÀ, 19993, S. 503)
Die heutige
Fassade an der Universitätsstraße und die Aussicht
des Hofes wurden 1719 /20 von Georg Anton Gumpp entworfen und
ausgeführt. (ÖKT XLVII, S. 313)
|
| 7.
BIBLIOGRAPHIE
DAL PRÁ,
Laura, I Madruzzo e l'Europa, 1539 - 1658, I principi vescovi
di Trento tra Papato e Impero, Milano 1993.
DEHIO - Handbuch,
Die Kunstdenkmäler Österreichs, Tirol, Wien 1960.
DEHIO - Handbuch,
Die Kunstdenkmäler Österreichs, Tirol, Bearbeitet von
u.a. G. Ammann, E. Egg, j. Felmayer, Wien 1980.
Kittinger,
Hubert, Hofburg, Silberne Kapelle und Hofkirche zu Innsbruck,
Innsbruck,1967.
ÖKL II,
1976, Österreichisches Künstlerlexikon von den Anfängen
bis zur Gegenwart, verfasst von Rudolf Schmidt, Band 2, Wien 1976.
ÖKT XLVII,
Österreichische Kunsttopographie, Band XLVII, Die Kunstdenkmäler
der Stadt Innsbruck, Die Hofbauten, bearb. von Johanna Felmayer,
Karl und Ricarda Oettinger, Wien 1976.
SAUR, Allgemeines
Künstler-Lexikon, Die Bildenden Künstler aller Zeiten
und Völker, Bd. 22, Leipzig 1999.
THIEME-BECKER,
Allgemeines Künstler Lexikon, Bd. 8: 1913.
WEBER, Simone, Appunti per la storia dell'arte nel Trentino, Trento
1925.
WEBER, Simone,
Artisti trentini ed artisti che operarono nel Trentino, Trento,1933.
www.Hofkirche.at
©Rosanna
Dematté, Februar 2003
|